MACH WAS DU WILLST

Seit letztem Sommer gibt eine einzige Frage, die jedes Mal im Raum steht, wenn sich mehrere Leute aus meiner alten Stufe nach einiger Zeit machen wiedersehen und ich denke, die meisten von euch kennen diese nur zu gut: Und, was machst du jetzt so? Ich glaube kaum, dass sich die Frage groß Ă€ndern wird in den nĂ€chsten Jahrzehnten, ist halt auch das einzige, was man ehemalige MitschĂŒler – also die, mit denen man sich immer nur so “ganz gut verstanden hat” – gut fragen kann um ein GesprĂ€ch zu starten, was sich nicht nur ums Wetter drehen soll. Ist ja auch eigentlich spannend zu erfahren. Was macht der jetzt? WofĂŒr hat die sich entschieden?
Jetzt ist schon ein Jahr rum, seit dem wir uns (fast) alle auf sĂ€mtlichen 18. Geburtstagen gegenseitig versichert haben, dass wir uns fĂŒr noch gar nichts entscheiden wollen und erstmal reisen, die Welt entdecken wollen und so, aber das ging dann doch so schnell und alle sind von sĂ€mtlichen Reisen zurĂŒck und stehen wieder hier. Und fĂŒr die meisten von uns geht das Ganze von vorne los. Gut, ich hab mich mittlerweile entschieden, kaum einer guckt nicht fragend, wenn ich sage, dass ich anfange Liberal Arts and Sciences zu studieren. Kurze ErklĂ€rung meinerseits, interdisziplinĂ€rer Studiengang, man wĂ€hlt sich seine Schwerpunkte so zusammen, langsames Nicken des GesprĂ€chspartners und dann die Frage, die jedem gestellt wird, der auf die einleitende (“Was machst du so?”) nicht Jura, Medizin oder BWL antwortet: “Und was machst du dann damit?”

Wieso so ein Studiengang? Einer, bei dem mir mein NC nichts nutzt, so wie bei all den anderen, bei den sicheren StudiengĂ€ngen. Bei denen die Wahrscheinlichkeit, relativ schnell einen relativ gut bezahlten Job zu finden hoch ist. NatĂŒrlich gibt es auch noch so viel dazwischen, zwischen diesen beiden Extremen, zwischen den StudiengĂ€ngen, in denen die Frage nach Sicherheit nicht gestellt wird und denen, wo sie dauernd gestellt wird. Aber ich habe mich nun mal fĂŒr letzteres entschieden. Nicht, weil ich zu 100% ĂŒberzeugt bin, dass ich dadurch super erfolgreich werde und ich mir nie selber die Frage stelle. Sondern weil ich (jedenfalls im Moment, und ja, vielleicht sehe ich das ganze in 5 Jahren anders!) ĂŒberzeugt davon bin, dass es mich niemals glĂŒcklich machen wĂŒrde, in Sicherheit zu sein und gleichzeitig vor Langeweile durchzudrehen.
Ich lese so gerne die kleinen Kurzbiographien, die in Magazinen und Zeitungen manchmal unter dem Text stehen, ĂŒber den Autor oder Fotografen. Die haben Ethnologie studiert, oder Jura, oder Kunstgeschichte oder Psychologie. Und auf 3 Umwegen sind sie dann irgendwie, irgendwann zum Schreiben gekommen, oder zum Gestalten, oder sonst was. Diese kleinen Biographien inspirieren und zeigen, dass ein direkter Weg, ein sicherer Weg nicht der einzige Weg ist. Und wer weiß, was man auf seinen Umwegen alles erlebt? Und lernt? Auf jeden Fall eine ganze Menge.
Ich bin mir sicher, dass man immer irgendwie seinen Weg findet, wenn man genug Selbstvertrauen, Begeisterung und vor allem Ehrgeiz hat. Wenn man Spaß hat, an dem was man macht, wenn man kompromissfĂ€hig ist und RĂŒckschlĂ€ge gut einstecken kann. Wenn man sich traut, es zu versuchen und sich durch niemanden unterkriegen lĂ€sst. Wer weiß, was sich dann alles so ergibt.
In unserer Gesellschaft werden wir immer wieder aufs Neue zum Perfektionismus gedrÀngt, in jeder Hinsicht, in allem. Wir sollen alles richtig machen, alles perfekt, den sicheren Weg wÀhlen, den erfolgsversprechenden Weg. Aber das geht einfach nicht immer. Wir sind keine Roboter, die sich Stereotypen anpassen können, wir sind jung und machen Fehler und nehmen Umwege. Und das ist auch total okay.
Was ich sagen will ist nicht, dass wir alle jetzt alle wahllos irgendeinen interessanten Studiengang wĂ€hlen, Japanologie oder Freie Kunst oder so, und keinen Gedanken an unser Leben in einem Jahr verschwenden sollen, sprich leichtsinnig und naiv durchs Leben wandeln. Sondern dass wir uns trauen, das zu machen, woran wir Spaß haben. Unsere Welt braucht Menschen, die Mut haben und rausstechen aus der breiten Masse. Menschen, die handeln und sich nicht unterkriegen lassen, weil sie etwas verĂ€ndern, verbessern wollen an unserer Situation. Menschen, die sich nichts von der Gesellschaft vorschreiben lassen und ihren eigenen Weg gehen.
Ich merke schon, dass wird hier so ein zweiter Teil von meinem anderen kleinen Text darĂŒber, einfach mal zu machen (klick), war nicht direkt so geplant, aber ich wollte mal wieder was schreiben, was loswerden. Und vielleicht auch nochmal ein paar Leute erreichen, die wie so viele von uns Dank unserer nach Perfektion strebenden Gesellschaft ZukunftsĂ€ngste und Selbstzweifel erleiden, die hin und hergerissen sind zwischen den Erwartungen der anderen und dem eigenen Drang, aus der Reihe zu tanzen und einen anderen, unerwarteten Weg einzuschlagen, bei dem unsere StĂ€rken gefördert werden und wofĂŒr wir uns begeistern können. Wir tun uns und unserer Welt keinen Gefallen damit, wenn wir diesen Drang ignorieren auch, wenn die Reaktionen der anderen manchmal das Gegenteil vermuten lassen. Da mĂŒssen wir halt durch.

6 Comments

  1. Marie July 23, 2015

    wirklich toller Text! mag die art wie du schreibst sehr 🙂

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  2. Jani ne July 23, 2015

    Du hast so recht, leztes jahr bin ich auf die Oberstufe gegangen und anders als 90% meiner stufe nicht auf die Oberstufe im Ort gegangen. Die Frage "Und wo gehst du auf die Schule?" und "Warum nicht auf die XY? Dort gehen doch alle hin" sind die klassiker

    xoxo

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  3. ganz besonders July 24, 2015

    Schöner Text! 🙂

    http://ganzbesonders.blogspot.de/

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  4. Elisabeth G.G. July 24, 2015

    Hey =)
    Ein sehr schöner Text … ich fĂŒhle a sehr mit dir mit. auch wenn ich jetzt ein Studium habe, das mir Spaß macht und ein Hobby, in das ich mich hineinknien kann, treibe ich immer noch Ziellos durch die Gegend und ich empfinde es als sehr blockierend. Aber es gibt zum GlĂŒck Zeiten, wo das vorbei geht =)

    LG
    Elisabeth
    http://elisabethgatterburg.blogspot.co.at

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  5. Daniela July 25, 2015

    toll geschrieben, danke!

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  6. Liesl August 1, 2015

    Ich befinde mich gerade auch in der "Was soll ich machen?"-Phase und habe mit vielen Menschen darĂŒber gesprochen. Viele Menschen haben mir erzĂ€hlt, dass sie erst vieles anderes gemacht haben, bevor sie zu ihrer "Berufung" gefunden haben. Meine Cousine hat diesen Weg ebenfalls unabsichtlich gewĂ€hlt. Sie hat mir auch gesagt, dass ich ein potentieller "Zwei-Richtungen"-Mensch bin, weil ich mir jetzt lieber etwas sicheres aussuchen wĂŒrde und aber eigentlich etwas anderes machen wĂŒrde. Wenn ich die vielen anderen Menschen sehe und merke, dass es bei ihnen auch lĂ€nger gedauert hat IHREN Job zu finden, fĂŒhle ich mich sicherer. Auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, welcher Beruf es einmal werden wird: Er wird großartig und genau fĂŒr mich gemacht sein.
    Ich weiß, ich habe jetzt viel ĂŒber mich gesprochen, aber vielleicht hilft es jemanden, der sich in genau der Phase steckt. Macht auf was ihr jetzt Lust habt, auch wenn es noch nicht DER Job ist. Über Umwege erreicht man immer noch das Ziel! 🙂

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